Die IG Metall Gaggenau will Orientierung geben, Interessen vertreten und den Wandel aktiv gestalten. Das wurde auf der vergangenen Delegiertenversammlung am Dienstag deutlich. Gleich zu Beginn erklärte der 1. Bevollmächtigte Bodo Seiler, dass es sich nicht um eine Routineveranstaltung handelt: Die aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Betrieben verlangten nach klarer Einordnung und gemeinsamen Antworten.
Rückblick: Starke Beteiligung bei Betriebsratswahlen
Ein positiver Einstieg gelang mit dem Blick auf die Betriebsratswahlen in der Region:
- 75 % Wahlbeteiligung
- 80 % der Gewählten sind Mitglieder der IG Metall
- 35 % sind erstmals im Amt
Diese Zahlen zeigen: Mitbestimmung lebt in der Region – und sie hat Zukunft. Die Delegierten würdigten insbesondere das Engagement der neu- und wiedergewählten Betriebsrätinnen und Betriebsräte.
Wirtschaftliche und politische Lage: Kein Nebeneinander von Krisen
Im Zentrum der Diskussion stand die aktuelle Lage, die Seiler klar einordnete: Es handele sich nicht um einzelne Krisen, sondern um ein System, das gleichzeitig unter Druck steht.
Drei Entwicklungen greifen ineinander:
- Geopolitische Spannungen
Handelskonflikte, Kriege und eine veränderte Weltwirtschaftsordnung wirken sich direkt auf die Industrie in der Region aus – etwa über Energiepreise, Investitionsentscheidungen und Auftragslagen. - Angriffe auf den Sozialstaat
Debatten über längere Arbeitszeiten, geringeren Kündigungsschutz und mehr individuelle Vorsorge zeigen eine klare Richtung: Risiken sollen zunehmend auf Beschäftigte verlagert werden. - Transformation der Industrie
Digitalisierung, Klimaschutz und Strukturwandel stellen besonders die Automobil- und Zulieferindustrie vor große Herausforderungen. Entscheidend ist dabei die Frage, wie dieser Wandel gestaltet wird.
Die zentrale Botschaft: Diese Entwicklungen verstärken sich gegenseitig – und der Druck landet am Ende immer bei den Beschäftigten.
Klare Haltung: „Es gibt Linien, die dürfen nicht überschritten werden“
Die IG Metall Gaggenau positionierte sich eindeutig:
- STOPP beim Abbau von Arbeitnehmerrechten
- STOPP bei längeren Arbeitszeiten auf Kosten der Beschäftigten
- STOPP bei der Verlagerung von Risiken auf die Beschäftigten
Stattdessen setzt die IG Metall auf eine aktive Gestaltung der Transformation – mit guten Arbeitsbedingungen, Tarifbindung und starker Mitbestimmung.
Wirtschaftslage bleibt angespannt
Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung wurde deutlich: Die Lage bleibt schwierig.
- Schwaches Wachstum und geringe Investitionsbereitschaft
- Rückläufige Beschäftigungspläne
- Steigende Unsicherheiten durch geopolitische Entwicklungen
Die IG Metall fordert deshalb eine klare industriepolitische Offensive: mehr Investitionen, verlässliche Rahmenbedingungen und ein klares Signal gegen Deindustrialisierung.
Landespolitik: Licht und Schatten
Auch der Koalitionsvertrag der Landesregierung wurde kritisch eingeordnet:
Zwar werde die Bedeutung der Industrie anerkannt, doch zentrale Themen wie Tarifbindung, Mitbestimmung und Beschäftigtenschutz seien zu schwach verankert.
Seiler kündigte an, hier weiter Druck zu machen und die soziale Gestaltung der Transformation konsequent einzufordern.
Mitgliederentwicklung und Finanzen: Solide Basis
Die Geschäftsstelle Gaggenau zählt aktuell über 21.000 Mitglieder. Besonders erfreulich ist der hohe Organisationsgrad bei Auszubildenden und dual Studierenden.
Auch finanziell steht die IG Metall Gaggenau stabil da. Der Ortskassenbestand sichert die Handlungsfähigkeit für die kommenden Herausforderungen.
Tarifpolitik und betriebliche Altersversorgung im Fokus
Ein besonderer Schwerpunkt der Delegiertenversammlung lag auf der Tarifpolitik.
Als Gast berichtete Nadine Boguslawski, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, aus der aktuellen Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie und gab Einblicke in zentrale Herausforderungen und strategische Überlegungen.
Zudem stellte sie Ergebnisse der IG Metall zur betrieblichen Altersversorgung vor. Dabei wurde deutlich: Die Sicherung der Alterseinkommen bleibt eine zentrale Zukunftsfrage – und erfordert starke tarifliche Lösungen sowie politische Rahmenbedingungen, die Beschäftigte absichern.
Fazit: Wandel gestalten – nicht erleiden
Die Delegiertenversammlung hat eines klar gezeigt:
Die Herausforderungen sind groß – aber die IG Metall Gaggenau ist handlungsfähig und bereit, den Wandel aktiv zu gestalten.
Oder, wie es zum Abschluss formuliert wurde:
Es geht nicht darum, ob sich etwas verändert – sondern darum, wer diese Veränderung gestaltet.