Rund ein Jahr vor den Betriebsratswahlen und wenige Wochen vor der Landtagswahl in Baden‑Württemberg hat die IG Metall Gaggenau bei ihrer Delegiertenversammlung wichtige industriepolitische, tarifpolitische und organisatorische Weichen gestellt.
Wirtschaft unter Druck – IG Metall setzt auf Plan, Druck und Solidarität
Gleich zu Beginn machte Bodo Seiler deutlich, wie ernst die Lage in vielen Industriebetrieben ist. Nach mehreren wirtschaftlich schwachen Jahren brauche es politische und betriebliche Antworten – keine Abwartehaltung. „Die Frage ist nicht, ob das Wetter schlecht ist. Die Frage ist, wie wir reagieren – mit Angst und Rückzug oder mit Plan, Druck und Solidarität.“, betonte Bodo Seiler, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Gaggenau.
Mit Blick auf die schwache konjunkturelle Lage, Investitionszurückhaltung und strukturelle Herausforderungen machte er klar: Industriepolitik ist Standortpolitik – und die IG Metall wird sie offensiv einfordern.
Landtagswahl 2026: Industrie als Zukunftsfrage
Die Landtagswahl am 8. März 2026 war eines der zentralen Themen. Seiler stellte klar, dass es der IG Metall nicht um Parteipolitik geht, sondern um politische Verantwortung für das Industrieland Baden‑Württemberg.
Die IG Metall Baden‑Württemberg hat dazu das Zukunftsprogramm „IndustrieLÄND BW 2035“ vorgelegt. Fünf zentrale Prüfsteine für die kommende Landesregierung:
- strategischer Industriekompass
- Förderung nur gegen klare Zusagen zu Investitionen, Ausbildung und Beschäftigung
- modernisierte Infrastruktur & Energiepolitik
- Stärkung von Schlüsseltechnologien wie Batterie, Wasserstoff, KI
- Qualifizierung, Fachkräfte und Bildungskette stärken
Christian Herbon unterstrich die Verantwortung der IG Metall für die Zukunft der Region: „Entscheidend ist, dass wir mitreden, mitgestalten und durchsetzen – für sichere Arbeit, starke Betriebe und eine verlässliche Industriepolitik.“
Initiative für Arbeit und Aufschwung: Kein Geld ohne Zusagen
Ein weiterer Schwerpunkt war die bundesweite IG‑Metall‑Initiative „Arbeit und Aufschwung – Zukunft statt Standortflucht“. Sie fordert klare Regeln für öffentliche Förderung und Vergabe:
- Investitionen nur bei Standort- und Beschäftigungssicherung
- Förderungen nur bei Produktion vor Ort
- Gegenwind statt Applaus bei Beschäftigungsabbau
Seiler brachte es auf den Punkt: „Kein Geld ohne Zusagen. Kein Umbau ohne Beschäftigung. Punkt.“ Gleichzeitig kritisierte er politische Debatten, die Beschäftigte einseitig belasten – etwa über längere Arbeitszeiten oder die Abwertung der gesetzlichen Rente.
Mitgliedsbeiträge werden absetzbar – spürbarer Vorteil für Mitglieder
Eine positive Nachricht: Ab dem Steuerjahr 2027 können Mitgliedsbeiträge zusätzlich zur Werbungskostenpauschale steuerlich geltend gemacht werden. Mitglieder erhalten damit 25–35 % ihres Beitrags über die Steuer zurück.
Tarifrunde 2026: strategisch, mobilisierend, durchsetzbar
2026 wird eine große Tarifrunde in der Metall‑ und Elektroindustrie. Die wirtschaftliche Lage ist herausfordernd – gleichzeitig steigen Preise und Belastungen.
Die IG Metall Gaggenau setzt dabei auf drei Leitplanken:
- Kaufkraft sichern
- Beschäftigung sichern
- Qualifizierung & Transformation stärken
Eine offene, kontroverse Debatte gab es zum Thema Mitgliederbonus. Für Bodo Seiler ist klar: „Wir führen keinen Glaubenskrieg, sondern arbeiten mit klaren Entscheidungskriterien.“
BR‑Wahlen 2026: 28 Betriebe wählen – Stärke organisieren
In 28 Betrieben der Region finden 2026 Betriebsratswahlen statt. Herbon betonte die Bedeutung klarer Strukturen und einer gezielten Ansprache: „Betriebsratswahlen sind unsere demokratische Basis. Wir müssen jetzt die Teams stärken, die Listen aufstellen und die Beschäftigten frühzeitig mobilisieren.“
Mitgliederentwicklung & Kasse: Handlungsfähigkeit sichern
Mit mehr als 1.000 neuen Mitgliedern und einem Organisationsgrad bei Azubis von 94,82 % steht die IG Metall Gaggenau gut da – doch Austritte und Lebenslagenwechsel erfordern ein klares Konzept.
Seiler betonte: „Mitgliederentwicklung ist kein Nebenthema. Sie entscheidet darüber, wie konfliktfähig wir 2026 sind.“
Die Finanzen bleiben solide – und werden gezielt eingesetzt für:
- Mitgliederbindung
- Tarifbindung
- Stärkung der Betriebsräte
Solidarität zeigen: Fall Danial
Ein besonderer Appell galt dem Kollegen Danial, dem aufgrund angeblich „linksextremistischen Engagements“ die Einbürgerung verweigert wird – obwohl er sich gegen rechte Hetze engagiert.
Bodo Seiler: „Wer sich für Demokratie einsetzt, gehört nicht ausgegrenzt, sondern unterstützt. Wegschauen ist keine Option.“
Anschließend an die Ausführungen von Seiler und Herbon, ergriff der neue Geschäftsführer der Otto-Brenner Stiftung (Can Gülcü) das Wort und zeigte den Delegierten die Neuausrichtung der Otto Brenner Stiftung auf.